Nevfel Cumart (39) zählt mit elf Gedichtbänden zu den produktivsten Lyrikern der jüngeren Generation. Der studierte Turkologe, Arabistiker und Islamwissenschaftler lebt seit 1993 als freiberuflicher Schriftsteller, Übersetzer und Journalist in Stegaurach bei Bamberg. Neben Lyrik-Bänden in deutscher, englischer und türkischer Sprache veröffentlichte Cumart auch eine Sammlung mit Erzählungen. Für sein literarisches Werk erhielt er diverse Literaturpreise, darunter auch die Förderpreise der Bundesländer Bayern und Rheinland-Pfalz.
Planetpraktika.de: Ihre erste Lesung in Ankara, im Land Ihrer Vorfahren, verbinden Sie mit "heißen Wangen und zitternden Knien". Sie "würgten Ihre Tränen herunter" und sahen, wie Ihr "Herz davon galoppierte". Das war ja nicht Ihr erster Auftritt vor großem Publikum. Wie empfanden Sie Ihre aller erste Lesung?
Cumart: Es war sehr aufregend. Mir fiel es ja schon schwer, in der Schule vor 83 Schülern etwas vorzulesen. Bei meiner ersten Lesung waren ungefähr 200 Gäste vertreten. Ich hatte in etwa die gleichen Gefühle wie in Ankara. Aber die Zeit rann dahin, die Spannung legte sich. Meine Hände erzählten norddeutsche Geschichten, meine Zunge jonglierte. Heute ist es kein Problem mehr für mich, vor einem großen Publikum meine Gedichte vorzutragen - es macht mir Spaß.
Planetpraktika.de: Warum schreiben Sie Gedichte?
Cumart: Manchmal um zu verstehen was gewesen ist, manchmal um zu verstehen was geschieht und manchmal schreibe ich, um zu verstehen was im Kommen ist. Ich kann überall und zu jeder Zeit schreiben. Es kann immer passieren, dass mich die Gedichte finden. Ja, nicht ich suche die Gedichte. Die Gedichte finden mich. Ob mir die Ideen ausgehen, liegt also nicht allein in meiner Macht. Kann ich verhindern, dass die Erde kreist?
Planetpraktika.de: Neben der Lyrik arbeiten Sie auch in der PR-Branche für ein großes Autohaus. Sie schreiben Reden für die Vorstandsmitglieder und entwerfen Werbeslogans. Sehen Sie das als gewissen Ausgleich?
Cumart: Ja, irgendwie schon. Vor allem die Reden zu schreiben - da muss man sich in die Menschen hineinversetzen. Die meisten sind dann mit den Manuskripten sehr zufrieden und lesen genau das vor was ich schrieb. Einer jedoch versucht immer, die Sachen noch besser zu machen. Leider klappt das selten. Oft ist es nervig, sich an Vorgaben halten zu müssen. Hier aber ist es die Hauptsache, dass welche da sind. Denn ohne sie kann ich schlecht eine Ansprache schreiben. Manchmal frage ich einen Herrn, was er sagen möchte und die Antwort ist: "Ich weiß es nicht, lassen Sie sich etwas einfallen!".
Planetpraktika.de: Wie haben Sie die Attentate am 11. September erlebt?
Cumart: Meine Frau und ich waren in einem kleinen abgelegenen Ort ohne Telefon und Radio. Man sprach Französisch. Ich habe mir eine Zeitung gekauft, konnte aber nicht glauben, was ich auf der Titelseite las und führte dies auf mein schlechtes Französisch zurück. Meine Frau bestätigte aber das, was ich nicht wahr haben wollte. Als wir schließlich mit dem Flugzeug in Richtung Heimat zurückflogen und die Bilder des Anschlages auf den Fernsehbildschirmen flimmerten, wurde mir ganz anders. Wir erfuhren dann auch, dass Freunde von uns wohl Opfer der schrecklichen Vorfälle geworden waren. Es ist wirklich tragisch, was da passierte. 30 Jahre Dialog wurden innerhalb eines Tages zerstört.
Planetpraktika.de: Ihre Einbürgerung gleicht einer Tortour. Über neun Jahre lang haben Sie darum gekämpft. Können Sie kurz beschreiben, wie das vor sich ging?
Cumart: Ich versprach mir als Deutscher ein gutes Leben. Ich bräuchte mir in weniger ausländischen Ländern Visen ausstellen lassen, um zwei oder drei Wochen dort bleiben zu dürfen und solche Sachen mehr.
Sieben Jahre lang zog ich von einem Sprachtest zum anderen. Einige amtsärztliche Untersuchungen und ein Führungszeugnis später: Die erste Ablehnung. Bezahlt mit zusätzlichen zwei Jahren, mit Gedichten, die das Leid hervorbrachten, mit Anwälten, die resigniert das Handtuch warfen, mit Demütigungen an Grenzen, die versperrt blieben und mit Freundschaften, die an diesem Weg zerbrachen, erhielt ich nach neun erbärmlichen Jahren einen Fetzen Heimat: Meinen Personalausweis.