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Interview mit Horst Ohligschläger, bis 2005 Chefredakteur com!online und jetzt Direktor Redaktion beim Nürnberger Sailer-Verlag.

"Journalist sein heißt flexibel und neugierig sein, neue Menschen, Orte, Themen und Standpunkte kennenzulernen und nicht 20 Jahre lang in der selben Stadt über die selben Themen zu schreiben."

Planetpraktika: Herr Ohligschläger, zum Anfang eine Frage, die Sie wohl häufig zu hören bekommen: Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?

Ohligschläger: Das war reiner Zufall. Ich war nach dem Abitur auf der Suche nach einer angenehmen Möglichkeit, mein Studium zu finanzieren. Bafög bekam ich nicht und meinen Eltern auf der Tasche liegen wollte ich nicht. Da gab es nur drei Möglichkeiten: Einen Lottogewinn, die Semesterferien durchschuften oder während des Semesters arbeiten. Aus dem Lottogewinn wurde nichts und die Semesterferien wollte ich lieber am Mittelmeer verbringen. Also ging ich kurzerhand in die Lokalredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers und fragte dort nach, ob sie nicht freie Mitarbeiter gebrauchen könnten. Zu meinem Glück suchten sie damals Leute und probierten es mit mir.

Planetpraktika: Klingt ganz nach dem klassischen Einstieg eines Lokalreporters.

Ohligschläger: Das war es ja auch. Ich weiß gar nicht wie viele Berichte ich über Schützenfeste, Weihnachtsbasare und Adventssingen geschrieben habe. Aber es hat mich nicht besonders gestört, weil es in meinen Augen leicht verdientes Geld war. 50 Mark für den Text plus 25 Mark für ein selbstgeknipstes Bild – da kommt schnell was zusammen. Erst recht zur Karnevalszeit, wenn Sie jeden Abend vier oder fünf Sitzungen abklappern. Planetpraktika: Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt, das Studium abzubrechen und als Quereinsteiger in den Journalismus zu gehen? Ohligschläger: Nein, eigentlich nicht. Sicher, die Versuchung war groß. Die Geschichten wurden größer, ich durfte Lokalthemen kommentieren und damit wuchs auch die Resonanz auf das, was ich schrieb. Ich glaube aber, ich hatte Angst, ohne abgeschlossenes Studium die nächsten 30 Jahre in einer Lokalredaktion verbringen zu müssen. Keine besonders attraktive Aussicht für einen etwas ungeduldigen jungen Mann, der – wie viele andere – davon träumte zum Stern oder Spiegel zu gehen. Also habe ich mein Studium mit dem Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien abgeschlossen – es ist übrigens das einzige, was noch an mein ursprüngliches Berufsziel Lehrer erinnert.

Planetpraktika: Sehen Sie es auch heute noch so, dass man mit einem abgebrochenen Studium schlechtere Aufstiegschancen hat?

Ohligschläger: Ich befürchte, es ist so, obwohl es sachlich nicht gerechtfertigt ist. Selbstverständlich kann jemand, der jahrelang als Taxifahrer gearbeitet hat, ein besserer Lokalreporter sein als mancher Akademiker, auch wenn Akademiker das nicht gerne hören werden. Ich habe in meinem Berufsleben mit einigen hervorragende Journalisten gearbeitet, die nie eine Uni von innen gesehen haben. Dünkel ist da völlig unangebracht. Gott sei Dank gibt es aber wohl kaum einen anderen Beruf, in dem Quereinsteiger so viele Chancen haben, wie im Journalismus.

Planetpraktika: Sie waren ja Chefredakteur der Print- und Onlineausgabe von com!online. Das zeigt mir, dass Sie zwischen Printjournalismus und Online-Journalismus keinen sehr großen Unterschied machen. Ist das so?

Ohligschläger: Ja, in der Tat. Als Print-Redakteur ist der Onlinebereich für mich nur eine andere Möglichkeit zu publizieren. In erster Linie bin ich Journalist und da gilt der Satz: "A story is a story is a story!" – unabhängig, für welches Medium ich arbeite. Sicher gelten für Fernsehen, Rundfunk, Tageszeitung oder Monatsmagazine völlig unterschiedliche Produktionsmethoden. Aber die sind eine Frage des Handwerks, nicht des journalistischen Könnens. Gute Journalisten werden immer gute Geschichten erkennen – ob sie nun für Rundfunk, Print oder Fernsehen arbeiten. Ob sie ihr Können immer an den Mann bringen können, ist eine andere Frage. Ich kenne geniale Print-Redakteure, die vor einer Kamera keinen geraden Satz herausbringen vor lauter Lampenfieber. Das ändert aber nichts daran, dass es gute Journalisten sind.

Planetpraktika: Wie groß sehen Sie den Unterschied zwischen den beiden Schreibstilen (Onlinejournalismus und Printjournalismus)?

Ohligschläger: Nun, Online würde ich eher mit einer Nachrichtenagentur vergleichen. Auch online gilt das Motto „in der Kürze liegt die Würze“. Niemand erwartet im Netz eine vierseitige Reportagen mit tollen Bildern. Stattdessen wollen Online-Medien aktuell sein und möglichst kurz über verschieden Geschehnisse informieren. Was den Aufbau von Texten angeht, haben Nachrichtenagenturen und Online-Medien dagegen im Kern unterschiedliche Philosophien: Als Anhänger eines komprimierten Komplettangebots versuchen Nachrichtenagenturen in einen 50-Zeilen-Text möglichst viele Fakten und Stellungnahmen hineinzupressen, was die Texte oft etwas schwerfällig macht. Im Onlinebereich macht man genau das Gegenteil. Dort versucht man ein großes Thema in viele kleine zu distribuieren. Wenn also Michael Schumacher Formel-1-Weltmeister wird, gibt es erstmal die Meldung über den Titelgewinn. Dann folgt ein Link zum Thema "So war das Rennen". Ein anderer Link führt zur Meldung "Das sagen die Konkurrenten". Und dann gibt´s noch eine Surfer-Abstimmung zur Frage "Ist Michael Schumacher der beste Rennfahrer aller Zeiten". Mit dieser Art der Nachrichten-Verästelung sollen die User möglichst lange auf einer Seite gehalten werden.
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