Ulli Tückmantel (34) ist Leiter der Lokalredaktion Moers der Rheinischen Post. Er hat neben dem Studium (Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte) bis zum Volontariat bei Tageszeitungen in Essen, Ratingen, Düsseldorf und Freiburg i.Br. als freier Mitarbeiter gearbeitet.
Tipps für Praktikanten (und solche die es werden wollen)
1.) Redaktionen werden in der Regel von Verlagen nicht betrieben, damit dort Praktika absolviert werden können. Medien gehören weder zum Schul- noch zum Universitätswesen und verstehen sich meist auch nicht als Betreuungseinrichtung für Leute, die gerade nichts Besseres vorhaben.
2.) Der Nutznießer des Praktikums ist der Praktikant, für die Redaktion sind Praktikanten regelmäßig bloß eine Belastung. Wenn Ihnen jemand die Chance gibt, auszuprobieren, ob dieser Job etwas für Sie ist (viel wichtiger: Sie für diesen Job überhaupt taugen), dann sollten Sie dazu beitragen, die Belastung für die Redaktion so gering wie möglich zu halten.
3.) Sie sollten das Praktikum tatsächlich wollen. Dazu gehört, dass Sie sich selbst klar machen, warum Sie sich überhaupt um ein Praktikum bewerben. Die fixe Idee, es könne sicher nicht schaden, möglichst viele Praktika aneinander zu reihen, ist keine Motivation, sondern armselige Interesselosigkeit.
4.) Definieren Sie mindestens drei ganz klare Ziele, die Sie mit Ihrem Praktikum erreichen wollen, Fragen, auf die Sie während des Praktikums antworten bekommen wollen, Fertigkeiten, die sie erreichen wollen - was auch immer. Aber eine Praktikumsbescheinigung ist kein Ziel.
5.) Sie sollten sich über die Wege erkundigen, die bei einem Medium zum Praktikum führen. Es mag ja sein, dass eine Tageszeitung es toll findet, wenn Sie Ihre Bewerbung direkt an die Chefredaktion richten, während in Ihrer Nähe eine Lokalredaktion des Blattes sitzt.
6.) Wenn Sie das Medium, bei dem Sie sich bewerben, überhaupt nicht kennen, sollten Sie sich woanders bewerben. Sie können gar keine vernünftigen Ziele für Ihr Praktikum entwickeln, wenn Sie keine Kenntnisse über das Medium haben, bei dem Sie sich bewerben.
7.) Sie sollten eine vernünftige Bewerbung abliefern. Kleiner Tipp: Lassen Sie das Foto nur weg, wenn Sie wirklich kein Gesicht haben. In der Bewerbung sollte klar und nachvollziehbar stehen, warum Sie sich bewerben, und warum bei diesem Medium. Richten Sie darauf Ihre Bewerbung aus: Es ist zum Beispiel für eine Lokalredaktion ein Beleg Ihrer mangelhaften Vorinformation, wenn Sie sich auf Grund Ihrer herausragenden Fremdsprachen-Kenntnisse anpreisen.
8.) In einem Praktikum will eine Redaktion nicht Ihnen etwas beibringen, sondern Sie bekommen die Chance, etwas von der Redaktion zu lernen. Das setzt voraus, dass man Ihnen nicht erst noch das Lernen beibringen muss.
9.) Wenn Sie nicht verstanden haben, dass Sie das Praktikum machen, und nicht etwa von der Redaktion gemacht bekommen, dann bleiben Sie doch lieber gleich zuhause. Wenn Sie sich nicht engagieren, Sie nicht fragen und Sie nicht lernen - warum sollte es jemand anderes für Sie tun?
10.) Am Ende des Praktikums ist nur das Praktikum zu Ende. Das ist nichts, was Sie geschafft hätten. Der Kalender erledigt das von allein. Sie sollten wissen, wie es danach weiter geht. Wenn Sie das nicht während des Praktikums herausfinden, dann haben Sie nicht nur die Zeit der Redaktion verschwendet, sondern Ihre auch.
Volontariat oder Studium:
Es ist sicher nicht nötig, ein bestimmtes Fach vor einem Volontariat studiert zu haben, um für den Journalismus zu taugen. Ein Studium - auch mit Praktika darin - ersetzt keine Praxis, also kein Volontariat. Leute mit abgeschlossenem, also erfolgreichem Studium verfügen in der Regel über
die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu erfassen, zu strukturieren und daraus Schlüsse zu ziehen. Das ist eine Kernkompetenz, die ohne Studium nicht einfach zu erreichen ist. Die Frage, was ein Volontariat ohne Studium wert ist, hat im übrigen der Markt längst entschieden - zumindest was Medien angeht, in denen noch Journalismus betrieben wird.